Aufruf gegen den Naziaufmarsch am 16. Januar 2010 in Magdeburg
¡No pasarán!

Am 16. Januar 2010 jährt sich zum 65. Mal die Bombardierung Magdeburgs, durch die Alliierten im 2. Weltkrieg. Wie bereits in den vergangenen Jahren rufen Neonazis zu einem „Trauermarsch“ auf, um ihren Geschichtsrevisionismus zu verbreiten. Dem gilt es entgegenzutreten und den Aufmarsch zu verhindern.
Die diesjährigen Gegenaktivitäten laufen unter dem Motto „No pasarán“. In den letzten Jahren gab es verschiedene Ansätze den Naziaufmarsch zu blockieren und zu verhindern. 2005 musste der Aufmarsch nach ein paar hundert Metern abgebrochen werden, dies sollte auch 2010 möglich sein. Wir rufen zu einer bundesweiten antifaschistischen Demonstration sowie im Anschluss zu dezentralen Aktionen auf.

Magdeburg im 2. Weltkrieg

Die Stadt Magdeburg wurde im 2. Weltkrieg ab 1943 von den Alliierten bombardiert. Der schwerste Angriff erfolgte am 16.01.1945. Dieses Datum nehmen Neonazis seit 1998 immer wieder zum Anlass so genannte „Trauermärsche“ und Kranzniederlegungen durchzuführen. Sie wollen damit angeblich den „deutschen Opfern“ gedenken, betreiben dabei aber Geschichtsrevisionismus.
Die Bombardierung Magdeburgs im 2. Weltkrieg war nicht unerwartet, denn Magdeburg nahm in der kriegswichtigen Waffen- und Treibstoffproduktion keine unwichtige Rolle ein. Hinzu kam, dass diese Infrastruktur noch gut erhalten war. Besonders betroffen von dem Angriff waren Betriebe wie das Krupp-Gruson-Werk, das Junkerswerk und die Braunkohle-Benzin-AG (Brabag). Die Brabag war der größte Treibstofflieferant der Wehrmacht. Sie errichtete sechs KZ-Außenlager, um die ZwangsarbeiterInnen unterzubringen, die sie für die Produktion benötigten. Das „KZ-Magda“ in Magdeburg-Rothensee war eins davon. Zwischen Juni 1944 und Februar 1945 arbeiteten dort 2172 Juden und Jüdinnen, von denen etwa 65 Prozent starben. Ein Konzentrationslager speziell für Roma, Sinti und Jenische befand sich am Holzweg in Magdeburg. Dieses wurde aber 1943 auf Grund der Anwohnerproteste geschlossen. Die Inhaftierten wurden in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt.
Der Munitionsproduzent Polte, ein wichtiges Unternehmen, welches die notwendige Ausrüstung für den Krieg entwickelte und produzierte, unterhielt ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in der Liebknechtstraße im heutigen Magdeburg-Stadtfeld. Von 1943 bis 1945 befanden sich dort über 3000 InsassInnen. Vornehmlich Jüdinnen und Juden aus den Konzentrationslagern Riga-Kaiserwald, Auschwitz, Ravensbrück und Stutthof sowie russische und politische Gefangene mussten hier schwerste Arbeiten verrichten, um die Produktion für den Krieg aufrechtzuerhalten.

Neonaziszene in Magdeburg

Die jährlichen Aufmärsche der Neonazis im Januar stellen einen Höhepunkt der lokalen Naziszene dar, insbesondere auch durch Unterstützung auf bundesweiter Ebene. Die stärker werdende Rechte nutzt die Thematik, um sich vermehrt in Magdeburg zu etablieren und neue MitgliederInnen anzuwerben. Der so genannte “Trauermarsch” hat aber auch die Funktion der Vernetzung, um auf bundesweiter Ebene Kontakte zu knüpfen. Es wird versucht eine Ideologiebildung und Festigung einer neonationalsozialistischen Identität voranzutreiben. Durch einen positiven Bezug auf den Nationalsozialismus wollen die Neonazis alle Spektren der rechtsextremen Szene erreichen und Einigkeit suggerieren.
Damals wie heute werden Menschen aus rassistischen und antisemitischen Motiven angegriffen und ermordet. Alle Menschen, die nicht in das nationalsozialistische Weltbild passen, sind potentielle Opfer rechtsextremer Gewalttäter. Traurige Höhepunkte neonazistischer Gewalt sind Ereignisse, wie die Morde an Torsten Lamprecht (1992), Farid Boukhit (1994), die Himmelfahrtskrawalle 1994 sowie der Mord an Frank Böttcher (1997) in Magdeburg. In den letzten Jahren war die Situation ähnlich brisant. Wöchentlich kommt es zu neuen Meldungen über rassistische Angriffe auf Menschen mit Migrationshintergrund und alternative Jugendliche. Diese Übergriffe ereignen sich hauptsächlich innerhalb des öffentlichen Raumes. Beispielsweise wurde Rick L. am 17. August 2008, nach dem Besuch einer Magdeburger Diskothek, von einem Nazi erschlagen.
Die Naziszene in Magdeburg trat in den letzten Jahren in verschiedenen Organisationen auf. Der aktive Kern der Magdeburger Neonazis organisierte sich in verschiedenen Bereichen der Szene. Die Kameradschaft „Festungsstadt Magdeburg“ löste sich einige Jahre nach ihrer Gründung auf und reorganisierte sich in den „Nationalen Sozialisten Magdeburg“. Beide Gruppen zählten zu den so genannten „freien Kräften“. Nach der Auflösung der „Nationalen Sozialisten Magdeburg“ ging ein Teil des aktiven Kerns mehr und mehr in die NPD und ihrer Jugendorganisation JN über und versuchte mehrere „JN-Stützpunkte“ zu etablieren. Ein paar der neonazistischen Kader engagieren sich in verschiedenen Stadtteilen, aber auch in Gemeinden und Dörfern im Umland von Magdeburg, um die dortige Jugend in ihrem Sinne zu „politisieren“. Ebenfalls versuchten sich die Nazis in sozialen Initiativen, wie den Montagsdemonstrationen, einzubringen und diese für ihre Interessen zu nutzen.
Bei den diesjährigen Kommunalwahlen schaffte es die NPD mit Matthias Gärtner, einem der führenden neonazistischen Aktivisten, in den Magdeburger Stadtrat.

Geschichtsrevisionismus bekämpfen

Die Neonazis betreiben mit ihrem Aufmarsch aktiven Geschichtsrevisionismus. Deutsche Verbrechen werden negiert, relativiert und verdreht. Die offenbare Schuld am 2. Weltkrieg wird verleugnet und die TäterInnen werden zu Opfern verklärt.
KriegsverbrecherInnen, Wehrmacht, SS und SA werden zu Helden glorifiziert und es wird ein Bild vom „sauberen“ und „tapferen“ Soldaten geschaffen. Die industrielle Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, ZwangsarbeiterInnen, Menschen mit Beeinträchtigungen, AnarchistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen, antifaschistische WiderstandskämpferInnen und Homosexuellen sowie Menschen, die im NS-Regime als „asozial“ galten und vielen anderen, wird von ihnen geleugnet bzw. verharmlost.
Ebenfalls bei der Thematik des Antisemitismus zeigt sich die Revision der Geschichte durch die Neonazis. So wird das Vernichtungslager Auschwitz von den Neonazis als eine große „Lüge“ empfunden. Die Zahl der dort vernichteten Juden und Jüdinnen wird herunter gespielt und die Existenz der Gaskammern geleugnet. Somit wird die Singularität der Shoa negiert und der Antisemitismus weiter gefestigt.
Ferner werden die Luftangriffe auf deutsche Städte mit der Shoa verglichen und als „Bombenholocaust“ bezeichnet. Die „wahren TäterInnen“ sind in ihren Augen die Alliierten.

Geschichtsrevisionismus ist jedoch nicht nur ein Phänomen der Rechtsextremen. Er ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und damit gesellschaftliche Realität „deutscher Geschichtsaufarbeitung“. So wird auf Gedenkveranstaltungen der bürgerlichen Mitte und der Stadt nicht die Geschichte aufgearbeitet, sondern es wird undifferenziert um die deutschen Opfer getrauert. Die Verbrechen werden demnach aus ihrem historischen Kontext gerissen. Kaum ein Wort wird darüber verloren, dass Nazideutschland die Schuld für den 2. Weltkrieg und die nationalsozialistischen Verbrechen trägt. Die Gründe für Bombardierungen werden kaum bis gar nicht beleuchtet. Es ist lediglich von einem Krieg die Rede. Unter einen Teil der deutschen Geschichte und den damit verbundenen Verbrechen, soll somit politisch und gesellschaftlich ein „Schlussstrich“ gezogen werden. „Volk“ und „Nation“ sollen von der Schuld rein gewaschen werden.
Es handelt sich also um politische Kontinuitäten, zu denen sich eine wachsende Anzahl von Menschen nun endlich wieder freimütig bekennen kann! Dies beruht auch auf einem neu gefundenen Nationalstolz.
Seit Jahren bildet sich in der BRD ein stärker werdender Nationalstolz heraus. Begünstigt durch Großereignisse, wie die Fußballweltmeisterschaft und das damit einhergehendes Fahnenmeer schwarz, rot, goldener Flaggen und ermuntert durch Werbeaktionen der Bundesregierung wie „Du bist Deutschland“ können sich „Deutsche wieder deutsch“ fühlen. Daraus entsteht ein gesellschaftliches Klima, das „Andersartigkeit“ negiert und denunziert und folglich Nährboden für faschistoides Gedankengut bildet.

Eine andere Welt ist möglich

Wir wollen an dieser Stelle noch einmal betonen, dass es um mehr geht als nur den Aufmarsch zu verhindern.
Um das Aufkommen von neonazistischen Ideologien und ihren Verbrechen zu verhindern, kann das kapitalistische System keine Lösung sein und bieten. Nur der Aufbau einer neuen Welt, ohne Klassen und Staaten, eine Welt des Friedens und der Freiheit ist die einzige Chance, um zu verhindern das faschistoide Ideologien einen Nährboden finden. Hierzu ist es nötig die Ideen einer anderen Gesellschaft in die Öffentlichkeit zu tragen und zu verbreiten.

No pasarán – Sie werden nicht durchkommen

Wir werden am 16. Januar in Magdeburg eine antifaschistische Demonstration auf die Straße bringen, um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen und unsere Inhalte zu verbreiten. Im Anschluss rufen wir zu dezentralen Aktionen gegen den Naziaufmarsch auf. Schicken wir die Nazis dahin wo sie hingehören, auf den Müllhaufen der Geschichte!

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